Internet – Segen oder Untergang der Demokratie?

von Ole Seidenberg

3. Juli 2009

Democracy Forum zeigt Wege zur Demokratie 2.0

aus New York von Ole Seidenberg

Während wir Anfang Mai vom ersten Politcamp in Deutschland berichteten, fand diese Woche in den USA bereits das sechste Jahr in Folge eine Veranstaltung dieser Art an der Schnittstelle zwischen Internet und Politik statt: Das Personal Democracy Forum in New York.

Zwar handelte es sich hierbei weniger um ein Event im Barcamp-Format – und auch die Eintrittspreise zwischen rund 300 und 700 Dollar waren alles andere als erschwinglich – die Referentenliste jedoch konnte sich entsprechend sehen lassen. Von David Weinberger (Co-Autor des Cluetrain-Manifests) über Jeff Jarvis („What would Google do?“) bis hin zu Craig Newmark (Craigslist) und Randi Zuckerberg (Facebook) war aus der Social Media Szene alles vertreten, was Rang und Namen hat.

Jeff Jarvis, einer der "Web-Gurus" beim PDF

Jeff Jarvis, einer der "Web-Gurus" beim PDF

Die beeindruckende Zahl der teilnehmenden Politgrößen verdeutlicht, dass die amerikanische Politik das Potenzial des Web 2.0 längst nicht mehr in Frage stellt, sondern sich vielmehr um konkrete Lösungsansätze und die besten Ideen zu mehr Transparenz und Partizipation bemüht.

New York’s Bürgermeister Michael Bloomberg machte denn auch den Anfang, als er statt der geplanten physischen Präsenz mit einer Videokonferenz via Skype die rund 1000 Teilnehmer über seine Sicht der Dinge aufklärte und berichtete, wie die lokale Bürgerhotline 311 inzwischen durch Twitter, Skype und Google Map-Funktionalitäten ergänzt worden ist.

Deutlich überboten wurde seine Präsenz dann sogar noch durch Vivek Kundra, dem ersten offiziell ernannten „Chief Information Officer“ der amerikanischen Regierung. Kundra stellte die ersten aktiven Bemühungen des Weißen Hauses vor, das Web zur Steigerung der Transparenz einzusetzen. So kann auf USAspending.gov jeder Steuerzahler die Verwendung von rund $70 Milliarden Dollar Steuergeldern, die in den IT Sektor fließen genau nachvollziehen, inklusive der Vertragstexte und Vertragspartner.

„Jeder weiß, dass es unfassbare Fehlinvestitionen bei Investments im technologischen Bereich gab“, so Kundra. „Jetzt kann zum ersten Mal das ganze Land sehen, wie wir das Geld ausgeben und selbst dazu beitragen, dass wir das Richtige tun.“

Das Publikum honorierte diesen Vorstoß mit stehenden Ovationen und das trotz der möglichen Fehlerquellen und der noch bevorstehenden Herausforderungen, diese Plattform auf weitere Datenquellen auszuweiten.

Der New Media Direktor des Weißen Hauses, Macon Phillips, nahm vorweg: „Es ist gut möglich, dass Sie beim Durchsuchen der Plattform noch fehlerhafte Daten finden – und das ist auch okay so. Denn lieber habe ich diese Plattform jetzt mit kleinen Fehlern online, als gar nicht.“

Diese erquickende Offenheit für Fehlbarkeit, dieser Mut zur Lücke, zog sich durch die Veranstaltung, wenngleich deutlich wurde, dass das Thema Social Media sich innerhalb der politischen Lager unterschiedlich starker Beliebtheit erfreut und bisweilen von Obama-Anhängern dominiert wird.

Auf die Frage von Joe Rospars  (Gründer von Blue State Digital, der Kampagnenagentur Obamas) Richtung Marc McKinnon (Online-Berater von McCain), wie viele Republikaner sich denn im Publikum befänden, erhoben sich nur ein Dutzend Hände, woraufhin Rospars folgerte: „See, that is your problem!“.

So mühte sich auch Todd Herman  (New Media Direktor des Nationalen Komitees der Republikaner) nach Kräften, das Publikum von den aktuellen Web-Bemühungen seiner Partei zu überzeugen, erntete dafür allerdings neben Zwischenrufen und Spott nur auf Twitter ein wenig Anerkennung für die späte Einsicht, dass das Social Web auch seiner Partei gut zu Gesicht stehen würde.

Danah Boyd von der Forschungsabteilung Microsofts, deckte in ihrem provokativen Vortrag große Milieudiskrepanzen auf und stellte in Frage, ob das Social Web tatsächlich in der Lage sei, Brücken zwischen verschiedenen Teilen unserer Bevölkerung zu schlagen, oder ob es den Graben eher vertiefe. Am Beispiel von Facebook und MySpace hatte Boyd mehre hundert Jugendliche befragt, wie und warum diese die jeweils eine oder andere Plattform bevorzugten. Ergebnis: „Welche Plattform du nutzt, hat durchaus gesellschaftliche Hintergründe.“ Während MySpace laut Aussage der Befragten „more ghetto“ sei, stammt Facebook von College-Kids aus Harvard und versammele demnach auch eher die „honors class“ in ihrer Nutzerschaft.

Besucher des PDFs

Besucher des Personal Democracy Forum in New York

So erinnerte Boyd die Zuhörerschaft mit Nachdruck daran, dass es sich trotz der kürzlich medial omnipräsenten Twitter-Revolution im Iran bei den Nutzern von Twitter um eine Minderheit der Bevölkerung handele. „Und diese Minderheit sieht genauso aus wie ihr!“ schrie sie dem Publikum entgegen. Zugang zum Medium, so Boyd, genüge eben nicht. Vielmehr ginge es um Medienkompetenz und eine „Alphabetisierung“ der Menschen in den neuen Kulturtechniken.

Der Schnell-Check im Saal, besetzt mit überwiegend universitär gebildeten Zuschauern, bestätigte Boyds These: Nahezu alle Teilnehmer waren bei Facebook registriert, lediglich einige Wenige bei MySpace. „Es gibt bis heute keine allgemeine Online-Öffentlichkeit, die der tatsächlichen Bevölkerungsvielfalt entspricht“, so Boyd.

Deutlich optimistischer schauten Michael Wesch und David Weinberger in unsere digitale Zukunft. Während Wesch (Kulturanthropologe der Kansas State University) zeigte, wie sich auf YouTube aufgrund des unbekannten Gegenübers neue, durchaus positive Gemeinschaften um einzelne Themenfelder herum entwickelten (so zum Beispiel bei der Free Hug Campaign), zeigte Weinberger(Co-Autor „Cluetrain Manifest“), dass in unserer hyperverlinkten Welt die mannigfaltige Subjektivität zu einer neuen Form der Objektivität führt; in seinen Augen zu einer ehrlicheren, valideren Wirklichkeit. Früher, so Weinberger, musste man sich für einen Lexikoneintrag auf unverrückbare Fakten festlegen. Heute gibt es zu jedem Wort in einem Wikipedia-Artikel einen weiterführenden Link, einen neuen Gedanken, eine andere Sichtweise. „Transparency is the new objectivity“, so seine Schlussfolgerung.

Fazit: Die Tools sind da, der Wille auch – und erste Ergebnisse zeigen, dass sich durch Facebook, Twitter & Co. tatsächlich mehr Transparenz und Teilhabe erreichen lassen. Der Weg zu einer tatsächlich „persönlichen Demokratie“ ist jedoch noch weit und erfordert mehr solcher Foren zum Austausch, insbesondere auch mit Akteuren der Politik selbst - und das nicht zuletzt in Deutschland!

Weiterführende Informationen:
Die Seite des Personal Democracy Forum New York
Anmeldung zum Personal Democracy Forum Europe im November 2009 in Barcelona
Anmeldung zum Politcamp 2010 in Bonn
Video-Interviews mit  Jeff Jarvis und  David Weinberger
Stern-Interview mit Randi Zuckerberg von Facebook
Jeff Jarvis bei der Next09 “Werdet eine Plattform…!”
ZEIT-Interview mit Jeff Jarvis
Der Vortrag von Todd Herman bei You Tube
Zum Institut von Michael Wesch
Das Cluetrain-Manifest in deutscher Übersetzung
Zum Blog und  Twitter-Account des Autors Ole Seidenberg

Kategorie: Netzkultur - shift happens!, Netzpolitik, Socialweb, Wahl im Netz, Zukunft 2.0

Tags: , , , , , , , , , , , , ,

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  • 1. Internetrepublik » &hellip  |  6. Juli 2009 um 18:16

    [...] in Korea oder den USA über digitale Bildung und freien Netzzugang für alle oder Plattformen, wie USAspending.gov. Und Estland machte schon vor Jahren den kostenlosen Zugang zum Internet zum Grundrecht und Wählen [...]

  • 2. Damian Edwig  |  9. März 2011 um 10:46

    Ja ok, das klingt alles so schön und klar aber, wenn jemand 70 oder 80 ist und gar nicht von Inernet weißt die Zugang zum Internet macht gar kein Sinn. Solsche Leute bekommen nur Ärger mit Internet, wie mein Opa.

  • 3. Unterkunft Frankfurt-Oder  |  4. Januar 2016 um 07:36

    What i do not realize is actually how you’re not actually much more well-liked than you may be right now. You’re very intelligent. You realize thus significantly relating to this subject, made me personally consider it from numerous varied angles. Its like women and men aren’t fascinated unless it’s one thing to do with Lady gaga! Your own stuffs great. Always maintain it up!

  • 4. autoankauf nürnberg  |  18. Februar 2016 um 12:47

    I think this is among the most vital info for me. And i am glad reading your article. But should remark on some general things, The website style is great, the articles is really excellent : D. Good job, cheers

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfeld

Pflichtfeld (versteckt)

Erlaubte HTML-Tags
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>




Team und Unterstützer

Andreas Thümmler Founder & CEO, Corporate Finance Partners

"Corporate Finance Partners ("CFP") als unabhängiges M&A/Corporate Finance Beratungshaus unterstützt die Internetrepublik. Wir fördert die Internetrepublik Deutschland mit aller Kraft, auch in Zeiten der Krise und freuen uns über diese sehr sinnvolle Web-Initiative!"

About

Die Internetrepublik wurde von jungen Menschen und Unternehmern gemeinsam initiiert, um für Politik im Netz zu begeistern.

Video


Agenda

Twitter

  • Twitter ist momentan nicht erreichbar.

Links Politik & Netzkultur

Unterstützer


plista make.tv tape.tv smsguru hitflip zanox Affiliate Marketing Netzwerk sportme cfp netzathleten amazee joinr buyvp babla frogster tammudo yasni