Eigenbrödler auf Tuchfühlung mit der Realität

von Sina Kamala Kaufmann

5. Mai 2009

Die Gemeinde der Twitterer, Blogger und sonstigen Internetjunkies hat sich vergangenes Wochenende mit Kampagnenmachern und Politikern getroffen. Während gegenüber in Kreuzberg der 1. Mai mit den üblichen Krawallen eingeleitet wurde, blieben Steinwürfe im Tagungsort Radialsystem aus.
Dafür wurde getwittert, viel getwittert, 7057 mal 140 Zeichen aus allen Herren Ländern kommentierten das Geschehen beim PolitCamp09. Das macht mit 987.980 fast eine Millionen Zeichen, die sich mit der Veranstaltung auseinandersetzen. Welch ein Gezwitscher! Es war so laut, dass es auch die klassischen Onlinemedien erreicht hat, wie der Bericht auf Spiegel online zeigt.

Unabhängig von den Berichten über die Veransatltung, war die Stimmung an der Spree ganz besonders, anders als auf jedem anderen Barcamp, das ich bisher besucht habe. Die stillschweigende Übereinkunft der Nabel der Welt zu sein, wurde angekratzt. Eine heile Netzgemeinschaft, bei der sich doch gerne jeder Einzelne als Teil eines ähnlich denkenden Kollektives fühlt, kam in Berührung mit einer anderen Realität: Der Politik.

Letztes Wochenende trat etwas zutage, was Habermas mit seinen 79 Jahren ‘Diskursvergangenheit’, als Mangel des Mediums Internets (in seiner heutigen Form) betrachtet. Habermas führt in “Ach, Europa” aus, dass desorganisierte Teilöffentlichkeiten entstehen und den massenmedialen Diskurs fragmentieren.

Eine eigene junge Realität, mit einem ausgeprägten Selbstverständnis traf auf eine, sich seit 60 Jahren zementierende und systembestimmende Politikwelt. Ein nicht einfacher Schritt, der Schmerz auf beiden Seiten erzeugt. Nicht nur in Form von verletzten Eitelkeiten, sondern auch, weil dieses Zusammentreffen auf beiden Seiten eine Realitätsjustierung erforderlich macht.

Das Erstaunen eines Don Dahlmanns bei seiner Session “Internet 2.0 und Journalismus“, als sich über die Hälfte des Publikums, auf die Frage nach einem Zeitungsabonnement melden, ist unvergessen. Ja, tatsächlich es gibt sie noch die Menschen, die Zeitung lesen, es gerne tun und es auch in Zukunft vorhaben. Dieses Überraschung führt vor Augen, wie leicht man sich von einer Umgebung, in der viel Übereinstimmung herrscht, die Meinungen sich ähneln und alle vor sich hin publizieren vom Rest der Welt entfernt, weil ein übergreifender Dialog fehlt. Wie leicht man ausblendet, dass man womöglich eine Avantgarde ist, aber da draußen dennoch Meinungen und Macht nach anderen Regeln gemacht werden. Genau deshalb war dieses Wochenende so wichtig, es ermöglichte den Austausch zwischen zwei Teilöffentlichkeiten.

Da wurde gestaunt darüber, dass sich niemand Wichtiges auf ein Podium bewegen ließ, um sich von Netzsperrengegnern ‘zerfleischen’ zu lassen, da wurde gejammert, dass ein Blogger Hin- und Wieder keine Antwort aus einer Pressestelle bekommt und es wurde gelästert, dass so wenige Politiker vor Ort waren: “Wer einen MdB findet, darf ihn behalten.” Vielleicht ist die surfende Avantgarde doch nicht der Nabel der Welt oder zumindest noch nicht. Natürlich kann man die Arroganz der Politiker für ihre geringe Aufmerksamkeit auf Netzthemen verantwortlich machen, statt die eigene Relevanz kritisch zu hinterfragen. Es ist beides geschehen, was das PolitCamp auch in der Nachbetrachtung so wertvoll macht. Es wurde nicht an Kritik gespart – gleichzeitig aber die eigene Rolle reflektiert. Den bloggenden und twitternden Eiliten ist klar geworden, dass es nicht reicht abzuwarten bis die Kommunikationsrevolution Einzug in den Elfenbeinturm der politischen Sphäre erhält. Eine Twitterwall im Bundestag würde vielleicht die Debatten amüsanter machen und neue Aufmerksamkeit auf den Gesetzgebungsprozess lenken – davon sind wir jedoch weit entfernt.
“Visionen? – ab zum Arzt!” Diese geflügelte Haltung, die, wie Helmut Schmidt aus einer anderen Zeit stammt, hielt zum Glück nur für ironische Zwecke her. Visionen und auch Utopien sind wichtig, sie waren immer der Katalysator für grundlegende Veränderungen. Eine bloß in den Raum geworfene Idee ist jedoch noch lange kein Modell, an dem man sich abarbeiten kann, über das man streiten kann, für dessen Verwirklichung man kämpfen und sich organisieren könnte. Es ist nicht die technische Möglichkeit alleine, die Veränderung bringt. Die Potenziale der neuen Netzöffentlichkeit sind –ohne Frage– euphorisierend, damit sich diese allerdings im Sinne einer wünschenswerten Gesellschaft entfalten können brauchen wir fundierte Konzepte. Konzepte, die existierenden Theorien aufgreifen, weiterentwickeln und sich den Weg aus dem Wissenschaftsbetrieb in eine breite Öffentlichkeit bahnen, ohne dabei ihre visionäre Komponente zu verlieren.

Bleibt die Frage, auf welcher Seite die Eigenbrödler eigentlich zu finden sind. Die Internetcommunity jedenfalls hat schnell dazugelernt und gleich einen Tag nach dem PolitCamp eine Onlinepetition gegen Netzsperren eingebracht und dafür in nur 48 Stunden schon eine beachtliche Zahl von Unterstützern gewonnen. Bis in drei Wochen müssen es für eine Anhörung 50.000 werden. Ein erster Schritt in die bürokratische Realität…

von sinasein

Kategorie: Netzkultur - shift happens!, Netzpolitik, Wahl im Netz, Zukunft 2.0

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  • 1. Warum Piraten? « H &hellip  |  3. Juli 2009 um 13:02

    [...] ein Kurzer Nachtrag zu dem Thema Parteien. Natürlich hat sich unsere Abneigung, die im übrigen zur Zeit von vielen Seiten vor gebracht wird. gegen parteiförmige [...]

  • 2. Internetrepublik » &hellip  |  3. Juli 2009 um 15:37

    [...] These: Nahezu alle Teilnehmer waren bei Facebook registriert, lediglich einige Wenige bei MySpace. „Es gibt bis heute keine allgemeine Online-Öffentlichkeit, die der tatsächlichen Bevölkerungsvi…, so [...]

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